Wien, 11. Jannuar 2006
Vor 60 Jahren
Auch die österreichischen Bischöfe verurteilten die Vertreibung
Wir katholischen Bischöfe können nicht länger schweigen zu dem furchtbaren
Lose der mehr als 10 Millionen Ostdeutschen, deren Vorfahren größtenteils
vor sieben- bis achthundert Jahren im ostdeutschen Raum gesiedelt und den
Boden urbar gemacht haben. Es handelt sich um die Deutschen in Schlesien, in
Ost- und Westpreußen, in Pommern, im Sudetenland, aber auch in Ungarn,
Rumänien und Südslawien." schrieben vor 60 Jahren am 30. Januar 1946 die
nord- und westdeutschen Bischöfe in einem gemeinsamen Hirtenwort. Die Zahl
von 10 Millionen sollte sich im Laufe des Jahres 1946 noch gewaltig erhöhen.
"Die Austreibung ist mit furchtbarer Brutalität und Nichtbeachtung aller
Menschlichkeit erfolgt", heißt es in dem Hirtenwort weiter. "Die
Weltöffentlichkeit schweigt zu dieser furchtbaren Tragödie."
Aber nicht nur die deutschen, auch die österreichischen Bischöfe meldeten
sich damals zu Wort. So schrieb Erzbischof Dr. Rohracher von Salzburg, der
sich auch auf die Weihnachtsansprache des Papstes 1945 bezog:
"Wer unter allen Völkern der Welt, so fragt der Papst, kann sagen, wir haben
ein reines Gewissen, wir sind frei von Schuld? Zweierlei Gewicht und
zweierlei Maß, zweierlei Moral und zweierlei Recht ist ein Greuel vor Gott.
Wer Sühne für Schuld verlangt, muß peinlich darauf achten, daß er nicht das
Gleiche tut, was er anderen als Verbrechen verurteilt.
Die Völker, vornehmlich die mittleren und kleinen, haben das Recht selbst
ihre Geschicke in die Hand zu nehmen. Alle Nationen der Erde müssen als
vollberechtigte Glieder der Menschheitsfamilie beachtet und behandelt
werden. Keines darf eine bloße Figur im politischen Spiel, keines eine bloße
Nummer in den wirtschaftlichen Berechnungen sein. Willkürlich, entgegen
allen geschichtlichen Entwicklungen, die Grenzen der Staaten zu ändern, kann
keinen Frieden bringen. Millionen von Menschen und Hunderttausende von
Familien mit schlecht verheimlichter Grausamkeit weg von Haus und Hof ins
tiefste Elend zu stürzen, führt unmöglich zum Weltfrieden und wird eine nie
verstummende Anklage gegen jene Männer bilden, die dies verursacht haben."
Theodor Innitzer, der Kardinal von Wien wandte sich in einem Hirtenbrief an
die Heimatlosen:
"Ich wende mich an die vielen Menschen, die als Vertriebene und Flüchtlinge
bei uns sind: Wir wollen euch, soweit die Möglichkeit besteht, bei uns so
leben lassen, daß ihr hier wenigstens für den Augenblick ein friedliches
Heim findet. Ihr sollt bei uns den Frieden haben. Laßt euch von der
katholischen Kirche einladen, kommt in unsere Kirche, zu unserem
Gottesdienst, ordnet euch durch euer Kommen und eure Teilnahme selber in
unser kirchliches Leben, in unsere Pfarrgemeinden ein. So werdet ihr in
unserer katholischen Pfarrgemeinschaft wieder Liebe, Lebensmöglichkeiten,
Ordnung und Frieden finden. Tut von euch aus alles, daß der bei unserem
Volke in Österreich vorhanden gute Wille nicht enttäuscht oder
zurückgestoßen werde. Seid ihr nur vorübergehend bei uns, und wird eure
künftige Heimat in einem anderen Lande sein, so sollt ihr an die Zeit bei
uns in Oesterreich mit guten Erinnerungen zurückdenken können. Werdet ihr
aber je nach den vorhandenen Möglichkeiten künftighin bei uns eure dauernde
Heimat finden, so sollt ihr durch euer Leben und euer ganzes Verhalten das
Vertrauen unseres Volkes gewinnen und gute Wurzeln in unserem Lande schlagen
können. Es wird viel an euch selber liegen, wie sich das Verhältnis zwischen
euch und unserem österreichischen Volke vorübergehend oder auf die Dauer
gestalten wird ..."
Das erzbischöfliche Seelsorgeamt in Wien gab damals 1946 verschiedene
Materialien für die Vertriebenen heraus, z. B.: Heimatlose beten. Darin
wurde auch zu einem Apostolat der Heimatlosen aufgerufen und wurden
Anschriften von vertriebenen Priestern mitgeteilt.
Rudolf Grulich
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