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31. Mai, 2005
Landsmannschaft Schlesien Nieder- und Oberschlesien

Nur toleriert nicht akzeptiert

Oppelner Erzbischof Alfons Nossol zur Lage der Deutschen in Oberschlesien (gekürzt)

Der Deutsche Freundschaftskreis (DFK) kann im Januar 2005 auf eine fünfzehnjährige Anerkennung in Polen zurückblicken. Damals herrschte Enthusiasmus und Aufbruchstimmung. Hunderttausende schlossen sich damals den DFK an, binnen kurzer Zeit bildeten sich in den Dörfern Vereine, fast überall wurden Chöre oder Tanzgruppen organisiert. Heute sieht das Bild wieder ganz anders aus, und nicht wenige sind enttäuscht und haben sich zurückgezogen. Anderen wieder ist alles egal und haben kein Interesse mehr am DFK. Wie erklären Sie sich diese Reaktion, diesen Wandel vom Enthusiasmus zum Desinteresse?

Nach so langer Unfreiheit war der Enthusiasmus eine Selbstverständlichkeit beim Durchbruch vor 15 Jahren. Das aktuelle Desinteresse beruht darauf, daß die gebürtigen Oberschlesier sehr pragmatisch eingestellt sind. Das ist traurig, und mich schmerzt das besonders, wenn es um die junge Generation geht, daß diese zum Beispiel nur den obligatorischen Schulabschluß macht, anstatt zu studieren, zumal wir jetzt eine Universität in Oppeln haben. Oppeln hat heute vier akademische Hochschulen, endlich können die jungen Menschen vor Ort studieren. Aber leider man geht nach Holland oder in die Bundesrepublik, nimmt den niedrigst bezahlten Job an, anstatt sich fortzubilden und zur Kultur des Landes beizutragen. Letzteres wäre nicht nur eine Selbstbereicherung, sondern auch eine Bereicherung im Sinne unserer oberschlesischen Region... Sowohl die Kirche, die staatlichen politischen Behörden als auch die DFK machen zu wenig in Sachen Kultur und Fortbildung der jungen Generation... Wir sollten bedenken, daß Kultur auch etwas mit Kult gemeinsam hat und das verlangt eine tiefere Innenschau, Besinnung und ein dynamisches Engagement, das auch zukunftsträchtig bezogen ist.

Muß man sich nicht auch innerhalb des DFK vorwerfen lassen, seit 1990 einen falschen Weg gegangen zu sein? Der Mangel an Jugend innerhalb der Vereine ließe sich beispielsweise dadurch erklären, daß man einfach vergaß, den eigenen Kindern jenes Selbstbewußtsein zu vermitteln, in der polnischen Gesellschaft als deutsche Oberschlesier aufzuwachsen und leben zu können...

...Wir müssen uns offen und ehrlich dazu bekennen, daß fast alle Behörden, sowohl zentrale als auch lokale, es nicht gewagt haben, nach der Anerkennung des DFK den zweiten Schritt zu tun. Die deutsche Minderheit, die Minderheiten überhaupt werden bei uns nur toleriert - friedvoll akzeptiert werden sie aber nicht. Gerade aber durch Akzeptanz könnte es zu einer wahren gegenseitigen Bereicherung und zu einem authentischen Austausch der Gaben auf dem Gebiet der Kultur kommen, und in diese Richtung muß bedeutend mehr getan werden... Was dringend Not täte wären Jugendbewegungen, gemeinsamer Austausch mit Tschechien, Deutschland und anderen europäischen Ländern. Dann würde man eine neue europäischen Identität schaffen, wobei die nationale, die eigene polnische oder deutsche Identität nicht aufgegeben werden müßte.

Wie sehen Sie das deutsch-polnische Miteinander in Oberschlesien? Werden die Deutschen in Oberschlesien von der polnischen Mehrheit wirklich akzeptiert und ernst genommen?

So zutiefst akzeptiert werden die Deutschen immer noch nicht,... sie werden nur toleriert. Und wenn man nicht akzeptiert wird, wird man auch nicht ernst genommen im Anderssein. Man fürchtet das Anderssein, anstatt darin eine Bereicherung zu sehen. Es müßte bei uns aus dem früheren traurigen Nebeneinander oder gar tragischen Gegeneinander ein wahres Miteinander und Füreinander werden. Dazu bedarf es aber erstens der Überwindung von Vorurteilen, zweitens der Entgiftung des Gedankenguts und drittens der Heilung von negativen Erinnerungen. Da sollten wir alle, Schulen, Medien, politische Behörden und Kirche bemüht sein, diesen Prozeß in Gang zu bringen und diesen auch konsequent zu realisieren....

Im polnischen Niederschlesien, vor allem in Breslau, ist seit Jahren die Hinwendung zum deutschen Kulturerbe zu beobachten. Ohne Scheu wird in einer Fülle von Publikationen, Ausstellungen, Denkmälern und Gedenktafeln der Beitrag der Niederschlesier gewürdigt. In Oberschlesien sind kaum solche Ansätze zu erkennen, einmal ausgenommen die alte Bischofstadt Neisse, wo man unter dem Einfluß Breslaus mit der Historie viel unbefangener umgeht. Ein Fall Kamusella (Anm:. deutscher Landrat in Oberschlesien, der das schlesiche Wappen anbrachte) oder solche heftig geführten Diskussionen um Geschichtsdaten und Städtegründer wären in Breslau oder im hinterpommerschen Stettin unvorstellbar. Wie kann man diese weit geöffnete Schere zwischen Grünberg, Breslau und Hirschberg einerseits und Oppeln und Kattowitz andererseits erklären? Liegt es an der regionalen Elite, vielleicht an den hier lebenden Deutschen, die es in Niederschlesien und Hinterpommern so gut wie nicht mehr gibt...

Die demographische Komponente ist ausschlaggebend. In diesen Gebieten gibt es ja kaum noch Deutsche. Die deutsche Minderheit in Niederschlesien hat kaum etwas zu melden, es gibt nur noch wenige Gemeinden, wo regelmäßig der Gottesdienst in der Sprache des Herzens stattfindet. Die älteren Menschen sterben aus, und insofern kann man dort freier handeln... Dort ist es leichter als bei uns in Oppeln, wo man sehr darum bangt, daß alte Reminiszenzen nicht auftauchen, weil man gleich verdächtigt wird, germanisieren zu wollen oder weil man zu stark deutsch eingestellt ist. Insofern haben die es drüben bedeutend leichter, obwohl,... was Stettin angeht, ist dort die Situation auch nicht gerade so einfach. Dort gibt es auch sehr antideutsche Züge in so mancher Hinsicht, auch leider in kirchlicher Hinsicht. Man wird immer angemahnt, daß man wachsam vor den Deutschen sein sollte. Natürlich, wenn man von vornherein solche Verdächtigungen hegt und ihnen nachgeht, kann man in Sachen Aus- und Versöhnung wenig erreichen...
Es gibt sicherlich noch viel zu tun, es ist bereits aber auch schon so manches getan worden. Aber auch hier muß die Langmut angemahnt werden und es kommt auf den Dreierschritt an. Um etwas in Bewegung zu setzen, muß man erstens den Mut aufbringen, manchmal auch aus der Reihe zu tanzen, es zu wagen, auch wenn man angegriffen wird. Zweitens darf man nicht vergessen, daß man alleine nie etwas in Bewegung setzen kann, was kulturell vielseitig sein könnte. Deshalb muß man neben Mut auch die Demut aufbringen. Schließlich kommt es auf die Langmut an...

Ein im schlechten Sinne vorbildliches Handeln der Eliten haben wir im Fall Tomasz Kamusella erlebt, wo die Elite zu einem Dialog nicht fähig war...

Das tragische an dem Fall Kamusella ist die Tatsache, daß man nicht geschichtswissenschaftlich gehandelt und beurteilt hat. Es wurde verabsolutiert, anstatt die geschichtliche Kontextualität hier in diesem Gebiet wahrhaben zu wollen und realistisch zu denken. Unser Denken ist immer noch eine Art von Wunschdenken. Polen träumte von einem Nachkriegspolen ohne Minderheiten, insbesondere ohne die Deutschen, und plötzlich ist diese bei uns am intensivsten vorhanden. Deswegen kommen verschiedene Phobien auf. Manche Menschen, die sich nationalistisch allzu stark einengen, münden im Chauvinismus. Dann ist es aus! Man muß den Patriotismus als eine Gestalt der Liebe betrachten und nicht als eine Gestalt des Hasses...

250.000 Oberschlesier mit doppelter Staatsbürgerschaft arbeiten im Westen. Jede Medaille hat zwei Seiten, so auch hier: einerseits 250.000 weniger Arbeitslose in Oberschlesien und dafür zwei Milliarden Euro mehr Privatkapital, andererseits brechen familiäre, dörfliche und traditionelle Bindungen auseinander. Die Diskussion über das Für und Wider der Emigration auf Zeit hat längst die Debatte über das Pro und Contra der doppelten Staatsbürgerschaft abgelöst...

...Einerseits muß man diese Menschen bewundern, daß sie dieses Los auf sich nehmen. Oft werden sie im Ausland schlecht behandelt, wohnen in Containern bei schlechten Wetterbedingungen, nicht selten in hygienisch katastrophalen Verhältnissen, um nur ihre Familien zu ernähren... Die Folgen der Langzeitarbeit im Ausland sind in vielen Familien dramatisch und tragisch zugleich. Ehen gehen in die Brüche, die Kindererziehung rückt in den Hintergrund. Damals, vor 15 Jahren, war die doppelte Staatsbürgerschaft ein Kompromiß. Wenn sich beide Staaten nicht auf ihn eingelassen hätten, wäre es zu einem Exodus der Oberschlesier gekommen und wir stünden heute vor einem Oberschlesien ohne Oberschlesier...Man muß hier wieder ganz besonders auf die Jugend zu sprechen kommen. Sie verläßt das Land ohne Studium. Später, im Alter, wird man nicht mehr fähig sein, die Ausbildung nachzuholen. Das ist sehr tragisch, zumal ja auch die Familienbande zerreißen... Man muß sich mehr bemühen und nach anderen Möglichkeiten suchen, nach Investoren, damit die Schlesier nicht das Land für die Arbeitsuche verlassen müssen...

Im Vergleich zu den anderen Woiwodschaften hat die Oppelner Region die niedrigste Zahl ausländischer Investoren...

Ich weiß nicht, ob den ausländischen Investoren so hohe Hürden gestellt werden oder ob sie davor bange sind, hier nicht willkommen zu sein. Oder man will sie nicht rein lassen, weil die alten Reminiszenzen aus den Vorkriegsjahren wach werden. Ich weiß nicht, woran das liegt... Aber, da ist schon etwas Morsches dran. daß wir keine Investoren in unser herrliches oberschlesisches Land bekommen.

Neben der Arbeitsmigration gehört das Getrenntsein zur Dramatik der Oberschlesier, denn sie leben schon seit Jahrzehnten in zerrissenen Familien. Welche Bedeutung haben die heute im Westen lebenden Oberschlesier nach Ihrer Erfahrung für das heutige Oberschlesien?

Die alten oberschlesischen Kulturwerte wie Ehrlichkeit, Solidarität, Arbeitsfleiß, Freiheitsstreben und selbstverständlich die Friedlichkeit haben viel zu besagen und können auch für uns belehrend bleiben. Wir müssen die alten Kulturwerte wieder aufleben lassen und alles tun, um diese zu erweitern und zu vertiefen. Wir müssen dafür sorgen, daß sie auch im gegenwärtigen Leben präsent sind. Wir sollten auch alle darum bemüht sein, sich... auf das spezifisch Schlesische zu besinnen. Schlesische Dichter haben es weise in zwei Begriffen plausibel zu machen versucht, im Begriff des denkenden Herzens und liebenden Verstandes. Oberschlesien ist das Land des denkenden Herzens und des liebenden Verstandes. Das macht die Eigenart dieser Region gerade mit Blick auf die EU so interessant... Wir haben Europa viel zu bieten, nutzen dies aber zu wenig...

Was ist Ihr drängendster Wunsch für die nahe Zukunft unserer Region?

Ich würde mir wünschen, daß man in der Region zu den spezifisch oberschlesischen Kulturwerten zurückfindet, diese den anderen Menschen schmackhaft macht und sie in das vereinte Europa hineinträgt. Das wäre unser spezifischer Beitrag, der unserer Brückenfunktion auch gerecht würde. Ich würde mich wirklich freuen, wenn wir das Verbindliche vom denkenden Herzen und liebenden Verstand einbrächten. Denn die reine westliche Prinzipienreiterei, wo man bemüht ist, immer alles auf den Punkt zu bringen, gelingt oftmals im Leben nicht.

Quelle „KN“ - „Schlesien Heute“

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