Juni 2006
Die Statue als feindliche Geste
In der Zeit vor den Wahlen schlagen die Gefühle hohe Wellen. Zur Unterstützung der Wahlprogramme werden verschiedene Ideen und Argumentationen veröffentlich. Und es ist die Zeit der persönlichen Angriffe. Das alles erzeugt eine aggressive Stimmung in der Gesellschaft, es erzeugt Hass.
Der Hass ist rein politischer Art, er überdeckt für eine gewisse Zeit alle anderen Streitigkeiten und Konflikte.Das bedeutet allerdings nicht, dass unter dem Deckmantel des Wahlkampfes keine Ereignisse auftauchen sollen, die alte Konflikte schüren können. In Südböhmen zum Beispiel wird etwas vorbereitet. Die Stadt Èeské Budìjovice/Budweis erhielt nämlich einen Antrag der Tschechischen Gemeinde der Legionäre auf Errichtung einer Statue des zweiten tschechoslowakischen Staatspräsidenten Edvard Beneš. Angesichts der Tatsache, dass allein dieses Vorhaben die Sudetendeutschen, vor allem diejenigen in Österreich, empört, entstehen einige Fragen.
Die erste lautet: Warum gerade jetzt? Die Antwort ist nicht schwer. Die Gemeinde der Legionäre meint es mit dem Antrag ernst und sie hofft, dass die Zeit des Wahlkampfs die Bewilligung erleichtern könnte. Die Antwort auf die zweite Frage (warum ausgerechnet in Budweis) ist komplizierter. Edvard Beneš hatte keine enge Beziehung zu Budweis. Es ist aber die Metropole Südböhmens und man kann davon ausgehen, dass die Sudetendeutschen von dem Antrag empört sein werden. Es kann ihnen gelingen, in Österreich einen Skandal hervorzurufen, was den Fremdenverkehr in Südböhmen schwächen könnte. Mehr erreicht man nicht.
Die tschechische Beziehung zu allem, was es auf unserem Gebiet gibt - und das betrifft auch den von den Österreichern ungeliebten Edvard Beneš - wird nochmals verstärkt werden und dann bestätigt sich das Diktum, dass über unsere Statuen kein anderer zu reden hat. Man kann vermuten, dass dies das Hauptmotiv der Tschechischen Gemeinde der Legionäre ist.
Geht es tatsächlich um eine außerordentlich wichtige Sache, die nicht verschoben werden kann? Ist es denn nicht besser, das Vorhaben nach den Wahlen zu diskutieren, wo es eine ruhigere Atmosphäre geben wird? Dem Bürgermeister von Budweis zufolge herrscht selbst im Stadtrat keine einheitliche Meinung zu Edvard Beneš und seinen historischen Nachlass.
Haben wir wirklich Interesse daran, dass die Sudetendeutschen noch mehr verärgert werden? Betrachten wir das ganze Problem von unserem Blickwinkel, stellen wir fest, dass es doch nicht im unseren Interesse ist, alte Wunden aufzureißen und somit zum sowieso schon hohen Maß an Hass in Mitteleuropa beizutragen. Reicht es nicht, dass die politische Situation in Tschechien gespannt ist? Dazu hat die Errichtung der Statue in Budweis noch einen weiteren als nur innenpolitischen Aspekt.
In der Person von Edvard Beneš wird der historische Streit zwischen Tschechen und Sudetendeutschen verkörpert. Wenn man sehen will, dass die meisten von ihnen Edvard Beneš anders wahrnehmen als die Mehrheit der tschechischen Öffentlichkeit, dann versteht man auch, warum es Sinn macht eine Sachdiskussion über diese Persönlichkeit mit ihnen zu führen. Für sie ist Beneš nicht der Begründer des Staates, sondern der Grund für ihr Leid nach dem Zweiten Weltkrieg
Die Situation ist heute so, dass alles, was Tschechien zu Edvard Beneš sagt und macht, einer Geste in Richtung Sudetendeutschen gleich kommt. Entweder einer feindseligen (wenn die Statue errichtet wird), oder einer entgegenkommenden (wenn Budweis das Vorhaben der Legionäre ablehnen würde). Diese kleinen entgegenkommenden Schritte haben eine große Bedeutung. Sie ermöglichen es, Hass zu überwinden und zu verstehen, dass die Verbesserung der Beziehungen zu unseren ehemaligen Landsleuten nicht nur für sie, sondern auch für uns nützlich ist.
Emanuel Mandler, MF Dnes vom 10.05.2006
